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Bundesrepublikanisches Biedermeier?

 

Auf das Scheitern der großen politischen Hoffnungen, des Strebens nach einer Umgestaltung der Gesellschaft, wenn nicht gleich der gesamten Welt, folgt der allgemeine Rückzug ins Private. Man sucht das Glück im Kleinen, die Erfüllung in der Nische, die Vervollkommnung des Heims. Was sich nicht ändern läßt, damit muß man sich arrangieren; an das Stärkere gilt es sich anzupassen. Was einst rebellisch war, „alternativ“, wird so allmählich zum Establishment. Man hat sich bequem eingerichtet in dem, was man früher bekämpfte. Wer weiterhin anders zu sein versucht, daran erinnert, daß man selbst einmal anders war, daß alles anders sein könnte, der stört und wird entsprechend behandelt. Recht spießig ist man geworden, in seiner Selbstbescheidung. Selbstgenügsam und selbstgefällig. Zumal in Zeiten, da die Verhältnisse immer unsicherer scheinen, flüchtet man in traditionelle Werte. Oder was man dafür hält. Denn die Vergangenheit – zumindest die eigene Vorstellung davon – ist so schön sicher. Und das Gestern bietet Halt. Zwar wird die Atmosphäre immer stickiger, die Luft immer muffiger. Doch den Muff redet man sich schön zum Stallgeruch. Und wenn jemand ein Fenster öffnete, gar für Durchzug sorgte – was könnte da nicht alles geschehen?!

So ist das Biedermeier. So war das „originale“ Biedermeier der 1820er bis 1840er Jahre, so war das sozialistische Biedermeier in der DDR spätestens ab 1976. So ist das bundesrepublikanische Biedermeier, das immer spießiger werdende gesellschaftliche Klima, die immer tristere Stimmung, die immer totaler werdende Erstarrung – auch und gerade kulturell.

Was man freilich nicht feststellen darf. Weil man das nicht tut. Täglich länger wird die Liste der Dinge, die man zu tun und zu lassen hat, zu sagen und zu denken. Täglich länger wird die Liste der Ver- und Gebote. Zu der gehört, daß dies alles als Freiheit und Glück zu bejubeln ist. Wie bei solchen Zuständen üblich. 

Doch halt, einen entscheidenden Unterschied gibt es, zum originalen Biedermeier, zur in Agonie liegenden DDR, auch zur Bundesrepublik der frühen sechziger Jahre, deren Atmosphäre von Zeitgenossen als besonders beklemmend geschildert wurde: All diese Situationen entpuppten sich schließlich als vorrevolutionär, sie mündeten in einen großen Knall der explosionsartigen Befreiung. Und schon zuvor hatte es Hoffnung gegeben – darauf, daß sich etwas zusammenbraute, darauf, daß bald etwas geschähe, darauf, daß dann manches, wenn nicht gleich alles besser würde.

Hoffnung.

Den Zustand von Politik, Kultur und Gesellschaft im sechzigsten Jahr der Bundesrepublik Deutschland repräsentiert das Antlitz der Kanzlerin ebenso vollendet wie ihr verzagtes und letztlich fruchtloses Lavieren. Er spiegelt sich wider in der mutmaßlich impotentesten Jugend seit über hundert Jahren, wo die einen den Leitbildern Berufsverbrecher/Zuhälter/Hure nachzueifern scheinen, derweil die anderen andauernd dem nächsten unbezahlten, in einer Sackgasse endenden Praktikum nachjagen und von Angst zerfressen werden um ihre nur noch fünfzig, sechzig Jahre entfernte Altersversorgung. Und als Hoffnungsträger preisen sich in dieser Tristesse an: Frank-Walter Steinmeier, Jürgen Trittin, Oskar Lafontaine. Für manche gar Guido Westerwelle. Sowie natürlich Franz Müntefering, Nachfolger seines Nachfolgers, Freund der werktätigen Massen.

Wahrlich, mit der DDR von vor zwanzig Jahren ist diese Bundesrepublik nicht gleichzusetzen. Denn verglichen mit ihr erscheint der einheitsgraue, erstickend kleinbürgerliche, allmählich kollabierende Honecker-Staat als brodelnder Hexenkessel voll mutiger Querköpfe und rebellischer Jugendlicher, einer aufregenden Alternativkultur und aufmüpfigen Opposition, voll schöner Träume, Pläne, Hoffnungen.

 

 

Geschrieben zum 23. Mai 2009. 

 

 

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